Wir wissen alle nicht, was kommt – na und?
- susannevolke0
- 23. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Mal ehrlich, habt Ihr irgendwie das Gefühl, Eure Smartphonenutzung hat irgendetwas mit Eurer empfundenen Verunsicherung oder Eurer Dauererregung zu tun? Falls ja, habt Ihr schon eine wichtige Hürde genommen.
Es gab mal eine Zeit, da haben die Menschen am Morgen die Zeitung gelesen oder Radio gehört und am Abend die Nachrichten und die ein oder andere informative Sendung geschaut. Wer sich darüber hinausgehend informieren wollte, las Zeitschriften und Bücher.
Heute jedoch gibt’s kein Abschalten mehr, denn wir tragen ständig so ein nervtötendes kleines Gerät mit uns herum, das uns 24/7 im Griff hat. Es ist zu einem Körperteil geworden, und ist es mal nicht da, fühlen wir uns amputiert. Es macht uns nicht frei, sondern unfrei, denn selbst wenn wir gar nicht ständig drauf schauen, wollen, machen wir es trotzdem.
Dieses kleine Ding hat uns vollkommen unter Kontrolle. Haben wir es nicht in Reichweite, fühlen wir uns hilflos und unsicher, und zwar sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Aber fühlen wir uns letztlich nicht genauso unsicher und hilflos, wenn wir all die Push-Nachrichten überfliegen, mit denen aggressiv um unsere Aufmerksamkeit gebuhlt wird? Dabei reichen in aller Regel die Überschriften schon aus, um in uns ein Gefühl von Unwohlsein auszulösen. Dank Globalisierung und Digitalisierung erreichen uns jedenfalls heutzutage die Katastrophen der ganzen Welt und erschüttern unser Grundbedürfnis nach Sicherheit, aber die durch den Reiz und die Erwartung unmittelbar vor dem Klick ausgelöste kleine Dopaminausschüttung belohnt uns ja auch jedes Mal auf’s neue. So funktioniert nun mal das Netz. In jedem Fall verpufft das Gefühl der Belohnung sehr schnell und plötzlich fühlen uns unbehaglich und werden von negativen Emotionen gebeutelt. Und dass wir auch über so etwas wie Verstand verfügen, haben wir längst vergessen.
Da hilft nur eins: Abschalten und mal wieder das Oberstübchen ins Spiel bringen, denn die grauen Zellen können einem durchaus weiterhelfen. Würden wir zur Abwechslung mal wieder unsere Aufmerksamkeit von unseren Gefühlen auf unseren Verstand lenken, würden wir uns erinnern, dass das Leben unserer Vorfahren keineswegs sicherer war. Unter Neurasthenie litten die Menschen auch in früheren Zeiten. Es waren auch keineswegs nur Umbruch- und Übergangsphasen, in denen sie besonders erschöpft und geplagt durch übermäßige nervliche Anspannung und latente innere Unruhe waren.
Hinzu kommt, dass auch der Blick in die ferne und nahe Zukunft die Menschheit nach wie vor beschäftigt und als profitables Geschäftsmodell zahlreicher Prognostiker, Zukunftsforscher, Propheten und Apokalyptiker dient. Ferner eignet sie sich als beliebtes Sujet für Literatur und Film (Science Fiction) und bildet die Grundlage von Dystopien. Selbst Prognosen die wirtschaftliche Entwicklung betreffend sollten mit allergrößter Vorsicht betrachtet werden.
Womöglich stellen wir durch unsere Unsicherheit hinsichtlich des befürchteten Kollapses in der Zukunft ja auch einfach die falsche Frage. Vielleicht sollten wir uns vielmehr fragen: Warum wollen wir das alles überhaupt wissen? Warum interessiert uns das so brennend? Warum steigern wir uns fanatisch in Dinge hinein, die sich bei genauerem Hinschauen lediglich als Modelle und Hypothesen entpuppen, die der Realität nicht standhalten, aber im Brustton der Überzeugung verkündet werden. Dabei geht es mehr um den eigenen Habitus und darum, mit dem Postulierten dem Zeitgeist zu entsprechen - natürlich ohne Beweise, denn die kann es ja noch gar nicht geben. Niemand weiß, was kommt!
Und Sokrates mit seinem „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ wäre ein Zeichen von Demut und Bescheidenheit. Das sollten wir nicht vergessen. Wir sollten uns stattdessen klarmachen, dass wir auf die meisten Dinge sowieso keinen Einfluss haben. Also machen wir uns am besten nicht verrückt, sondern passen auf, dass aus der Unsicherheit keine manifeste Angsterkrankung wird. Dabei hilft uns, wenn wir das Schneckenhaus der eigenen Blase immer wieder mal verlassen und Ambiguitätstoleranz entwickeln.
Das Leben ist nicht nur schwarz oder weiß. Lernt auszuhalten, dass gut und böse, richtig und falsch gleichzeitig existieren und lasst Eure eigenen Widersprüche zu. Außerdem kann ein bisschen Unsicherheit sogar anregend und stimulierend wirken!
Vielleicht habt ihr ja auch einfach mal Lust, ein Buch über Geschichte zu lesen, deutsche Geschichte, Weltgeschichte, was auch immer. Es muss auch kein dicker Wälzer sein, denn auch unter Sachbüchern für Jugendliche findet sich viel Wertvolles. Ihr erweitert Euren Blick und könnt Euch von Aktuellem besser distanzieren.
Vielleicht halten wir es bis dahin mit Michel de Montaigne:
Mein Leben war voller schrecklicher Unglücke,
von denen die meisten nie eingetreten sind.
Quellenverzeichnis:
Volker Busch: Kopf frei!, München 2021
Konrad Paul Liessmann: Lauter Lügen, Wien 2023
Konrad Paul Liessmann: Was nun? Eine Philosophie der Krise, Wien 2025
Hagen Schulze: Kleine deutsche Geschichte, München 1996

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